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Selbstregulation durch Berührung

in Allgemein 23. Januar 2020

Craniosacrale Therapie und die Polyvagaltheorie

Selbstregulation durch Berührung  – aus meinem Vortrag im Juni 2019 bei dem DAPO Kongress


Grundlage der Craniosacralen Therapie und der Selbsthilfeübungen ist die achtsame Berührung zur Unterstützung der Selbstregulation im Autonomen Nervensystem.

Das autonome Nervensystem, auch „vegetatives Nervensystem“ genannt, ist unser vorbewusstes Reaktionssystem und sucht Sicherheit und bleibt wachsam bei Gefahr. Diese Reaktionsmuster beeinflussen unsere Wahrnehmung, Gefühle und Einschätzung von Situationen, unsere Alltagserleben, unsere Kindheitsmuster und unsere Trauma-Muster. Das vegetative/autonome Nervensystem steuert die inneren Organe in Sekundenschnelle zur Anpassung an Anforderungen der Umwelt und zur Homöostase, zur Aufrechterhaltung des inneren Milieus.
Stephen Porges, Neurowissenschaftlerphysiologe, erweitert das Verständnis zur Selbstregulation zwischen Sicherheit und Anregung und Aufregung und Gefahr. Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse der Polyvagaltheorie werden in den letzten Jahren vor allem in der Traumatherapie und in der Körperpsychotherapie genutzt. Ausgangspunkt für seine Theorie ist die phylogenetische Entwicklung, also die evolutionären Entwicklungsschritte,
des autonomen Nervensystems.
Die Basis unseres autonomen Nervensystems wird durch das Parasympathische Nervensystem gebildet. In der Evolution zuerst entwickelt, gewährleistet dies durch seine Stoffwechselregulation die Basis für das Überleben. Die Nahrungsaufnahme der wirbellosen Organismen geschieht eher passiv in einer flüssigen Lebensumgebung. Ruhiges Strömen lassen und Nahrungsaufnahme gehören zusammen. Die adäquate Reaktion auf Bedrohung entspricht dem Erstarrungs- bzw. Todstellreflex. Der zweite Entwicklungsschritt entspricht der Ausbildung des sympathischen Nervensystems. Die Suche nach Nahrung, die aktive Bewegung der Extremitäten, der Kontakt zu Artgenossen, die Fähigkeiten gefährlichen Situationen differenzierter und aktiver zu begegnen erweitern die Überlebensmöglichkeiten. Bei den Wirbeltieren mit Gliedmaßen stehen dafür Kampf und Flucht zur Verfügung. Der dritte Entwicklungsschritt ist die Ausformung eines sozialen Nervensystems, dies ermöglicht noch mehr unterschiedliche Reaktionen. Bei den Primaten und den Menschen ist diese Möglichkeit zu fein abgestimmter, sozialer Kommunikation durch Mimik, Gestik, Blickkontakt und Sprachlichen Ausdruck. Anatomisch beteiligt sind die Hirnnerven. Der X. Hirnnerv, der Nervus Vagus, spielt dabei eine besondere Rolle.

Nach dem Modell von Stephen Porges ist ein Zweig des Nervus Vagus, genauer der  ventrale, bedeutsam für das soziale Nervensystem mit den oben genannten Hirnnerven und damit für Neurorezeption, für adaptive Reaktionsmuster und Suche nach Sicherheit und sozialer Verbundenheit auf der Ebene des Autonomen Nervensystems. Limbisches System und Hypothalamus steuern über Hormone und Nervenfasern gemeinsam das autonome Nervensystem. Deshalb spreche ich verkürzt vom „sozialen (=ventralen) Nervus Vagus“.

Das Autonome Nervensystem ist eine biologische Ressource der Selbstregulation. Bewusstes Wahrnehmen der autonomen Reaktionen von Atem und Herzschlag verstärkt den Einfluss der Wahrnehmung auf das Erleben der Neurorezeption. Und es ist ein Weg, sich zu fühlen und Vertrauen zu entwickeln, Vertrauen in die tiefere innere Sicherheit. Von dort wächst Neugier und Erkundungsverhalten.
Achtsame Berührungen wie in den Selbsthilfe-Übungen aus der Craniosacralen Therapie sind eine gute Möglichkeit diese Selbstregulierung kennen zu lernen und den eigenen, sicheren Raum zu erfahren.

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